Versklavung durch Smartphones – Realität oder Trugschluss?

Das Internet bietet vielen Menschen eine gänzlich andere Welt, fernab von alltäglichen Sorgen, Berufs- oder Beziehungsstress. Dank moderner Smartphone-Technologie ist das World Wide Web sogar unterwegs unser steter Begleiter. Für manch einen kann die Flucht in die digitale Welt aber zur Sucht werden. Forscher fanden nun heraus, wie viel Zeit wir tatsächlich auf dem digitalen Display verbringen – mit erstaunlichem Ergebnis.

Von jung bis alt, das Smartphone ist in allen Gesellschaftsschichten zu einem unverzichtbaren Begleiter geworden. (Ollyy – 372903454 / Shutterstock.com)

2014 hat Alexander Markowetz von der Universität Bonn zu einer Studie aufgerufen, um das Nutzungsverhalten deutscher Smartphone-Besitzer zu untersuchen. Zu diesem Zwecke stellte er eifrigen Smartphone-Nutzern die App „Menthal“ zur freien Verfügung, das anonym sämtliche Nutzungsdaten aufzeichnete und an einen externen Server übermittelte.

Wie lange man bei Facebook verbringt, welche Zeit das Schreiben einer SMS einnimmt und wie oft man mit Freunden telefoniert, alles wurde aufgezeichnet. Ist die Angabe persönlicher Daten ansonsten eher ungewünscht, konnte sich der Forscher in diesem Fall vor Datensätzen kaum retten.

In wenigen Monaten übermittelten über 200.000 Deutsche ihre persönlichen Smartphone-Nutzungsdaten an die Universität. „Unsere Server standen immer kurz vor dem Absturz. Mit dieser Datenmenge waren sie überfordert. Wir übrigens auch“, bewertete Markowetz den Datenfluss etwas erstaunt.

Anderthalb Jahre nach dem Start der App wurden Ende 2015 die ersten offiziellen Ergebnisse veröffentlicht. „Das wirklich Überraschende an den Ergebnissen war nicht so sehr die Zeit der Nutzung, sondern die riesige Anzahl der Unterbrechungen“, so der Informatikprofessor. Zudem: Da heutzutage jeder ein Smartphone zum Schnäppchenpreis kaufen kann, sind von der Smartphone-Sucht breitere Gesellschaftssichten betroffen, als man vorerst glauben würde.

Täglich drei Stunden mit dem Smartphone beschäftigt

Wer nun allerdings befürchtet, die Studie würde dazu aufrufen, sich ganz vom mobilen Telefon loszusagen, der täuscht. Markowetz relativierte seine Forschungsergebnisse, indem er darauf hinweist, dass Smartphones mittlerweile zu unserem Alltag gehören. Es komme allerdings auf den verantwortungsvollen Umgang mit dem Telefon an. Auch er selbst habe sein Mobiltelefon jahrelang verantwortungslos gebraucht, gab der Universitätsprofessor zu.

Besonders eklatante Ergebnisse stelle die Studie für jüngere Smartphone-Nutzer zwischen 17 und 25 Jahren heraus: 17- bis 25-Jährige verbringen netto drei Stunden pro Tag am Smartphone. Wer vom 24-stündigen Tag acht Stunden Schlaf abzieht, der sieht die Brisanz dieses Datensatzes: Fast 20 Prozent des gesamten Tages verbringen junge Erwachsene am Telefon. Dass da nur wenig Zeit für andere produktive Dinge wie Schule oder Hobby bleibt, ist auch klar.

Allerdings ist nicht bloß die „Generation Wisch und Weg“ von der Omnipräsenz des Smartphones betroffen. Durchschnittlich zeigte sich, dass wir

  • durchschnittlich 35 Minuten am Tag bei WhatsApp verbringen,
  • eine halbe Stunde mit Smartphone-Spielen beschäftigt sind und
  • 15 Minuten unserer Lebenszeit pro Tag für soziale Netzwerke wie Facebook opfern.

Das besonders Auffällige an diesen Daten ist, dass das Telefonieren nur einen geringen Zeitanteil der täglichen Smartphone-Nutzung ausmacht, obgleich das Telefon im ursprünglichsten Sinne ja zu nichts anderem als zur sprachlichen Kommunikation gedacht war. Weniger als zehn Minuten telefonieren Smartphone-Besitzer täglich. Für SMS bringen die meisten gar nur wenige Sekunden täglich auf.

Alle zehn Minuten auf das Handy schauen

Auch die Tatsache, dass zwölf Prozent aller Smartphone-Nutzer im Schnitt alle zehn Minuten einmal auf ihr Telefon schauen, schockierte den Forscher: „Das heißt doch auch: Das Smartphone ist immer da. Entweder in meiner Hand oder aber in meinem Bewusstsein.“ Für den Psychologen Christian Montag ähnelt die Sucht nach neuen Informationen fast schon dem verantwortungslosen Umgang mit Glücksspiel.

Bislang ist die Smartphone-Sucht aber noch nicht als offizielles Krankheitsbild anerkannt. Dabei ist klar, dass auch der übermäßige „Handy-Konsum“ ähnliche Symptome hervorrufen kann, wie es bei anderen Suchterkrankungen der Fall ist. Das gefährliche sei, dass viele Menschen ähnlich wie beim Rauchen schon gar nicht mehr bewusst zum Telefon greifen. Der Griff zum Smartphone ist mittlerweile zu einem automatisierten und ganz selbstverständlichen Prozess gereift.

Verantwortlich dafür seien auch immer effizientere Werbebotschaften, die auf Smartphone-Nutzer praktisch täglich einrieseln. Die Werbung hat sich mittlerweile gewandelt. War es vor dem Zeitalter des Smartphones bei konventioneller Werbung für den Massenmarkt noch offenkundig, dass Werbetreibende das Kauf- und Nutzungsverhalten von Menschen manipulieren wollen, ist dies heute nicht mehr so offensichtlich.

Süchtig nach Smartphone oder Internet? Hier finden Sie Hilfe:

 

http://www.computersuchthilfe.info/

 

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Zentrum für Psychosoziale Medizin

Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters
Martinistraße 52
20246 Hamburg
Tel.: (040) 7410 59307
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Zentrum für Integrative Psychiatrie (ZIP)
Universität Lübeck
Ratzeburger Allee 160
23538 Lübeck
Tel.: (0451) 500 2871

Maßgeschneiderte und personalisierte Werbeinhalte sind heutzutage gang und gäbe, die dank monumentaler Datenspionage über Google und Co. problemlos an jeden einzelnen Smartphone-User herangetragen werden können. Konsumenten nehmen ihre Kaufentscheidungen heute als freien Willen wahr, ohne zu wissen, dass sie eigentlich manipuliert wurden.

Verbraucherschützer sind daher bemüht, das Smartphone-Universum transparenter zu gestalten, scheitern derzeit aber an ihren Ansprüchen; wohl aber auch, weil das Smartphone für die meisten Menschen die wichtigste Erfindung des 21. Jahrhunderts ist und sie gar nicht auf den funktionalen und mobilen Alleskönner im Alltag verzichten wollen.

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5 Kommentare zu “Versklavung durch Smartphones – Realität oder Trugschluss?”

  1. Julian sagt:

    Also für mich ist die Versklavung durch Smartphones schon lange Realität. Daran Schuld sind aber nicht die Smartphones, sondern die User, die noch immer nicht gelernt haben, verantwortungsvoll mit ihren Geräten umzugehen.

  2. bester-preis sagt:

    Da gebe ich Julian vollkommen recht. Smartphones bieten nur Versuchungen und nur der Anwender entscheidet was er/sie damit macht. Ich kenne einige aus meinem Freundeskreis, die auf FB ständig was posten. Ich persönlich sehe das als verschwendete Zeit.

  3. Ich finde das Smartphone selbst nicht problematisch, das Nutzerverhalten hingegen schon. Ich finde es ist eine tolle Sache schnell mal ein Wort nachzuschlagen, oder eine Frage mit Google schnell zu beantworten. Leider sehe ich es eher so, dass das Smartphone nicht genutzt, sondern missbraucht wird.

    • Georg sagt:

      absolut meine Meinung. Ich selbst nutze das Handy nur, um Treffen zu vereinbaren oder kurz die nächste Bahnverbindung zu finden.
      Dieses ganze drauf rumgehämmere den ganzen Tag kann nicht gut sein. Ich rufe Leute gerne an, um Missverständen aus dem Weg zu gehen. Wenn ich dann als Antwort höre, dass telefonieren blöd ist und ich lieber bei whatsapp schreiben soll weiß ich auch nicht weiter…

      Aber hierbei wird ganz klar deutlich, wie gerne die menschen ihre zeit verschwenden. 😀

  4. Das Problem ist nicht die Technik, das Problem liegt doch darin das die Welt sich immer schneller zu drehen scheint und wir angst haben etwas zu verpassen in unserer achso tollen Leistungsgesellschaft.

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